Mit der neuen EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Lieferketten wächst der Druck auf Hersteller, präzise Daten über Materialherkunft und -eigenschaften anzubieten. Besonders betroffen sind Unternehmen, die Holzprodukte verarbeiten – etwa die Hersteller von Möbeln oder Küchen.
Der Klassifikationsstandard ECLASS unterstützt sie dabei, regulatorische Anforderungen zu erfüllen und Produktdaten entlang des gesamten Produktlebenszyklus zu dokumentieren. Organisiert wird ECLASS durch den gleichnamigen Verein. Er ist eine Non-Profit-Organisation, die den Standard weiterentwickelt. Als Beratungs- und Umsetzungspartner für Unternehmen der Branche agiert morphe*, das ECLASS mit Fokus auf Produktdatenmanagement, Compliance und digitale Zwillinge umsetzt.
Die Herausforderung: Regulatorische Anforderungen von Holzprodukten steigen
Unternehmen müssen immer mehr regulatorische Nachweispflichten erfüllen, auch Berichte zu Umwelt und Nachhaltigkeit. Ein Regulierungsbereich betrifft die Entwaldung und Waldschädigung. Die EU definiert Entwaldung als Umwandlung von Wald in landwirtschaftlich genutzte Flächen. Waldschädigung bezieht sich dagegen auf die Störungen der natürlichen Eigenschaften von Wäldern, etwa durch Kahlschlag ohne Wiederbewaldung oder den Umbau von Naturwäldern in Monokultur-Plantagen.
EU-Verordnung EUDR verändert den Markt
Diesen Themen widmet sich die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten (European Union Deforestation Regulation EUDR).
- Sie zielt darauf ab, Produkte aus illegaler oder nicht nachhaltiger Entwaldung vom EU-Binnenmarkt fernzuhalten.
- Sie betrifft vorrangig Branchen, die mit bestimmten Rohstoffen handeln oder diese verarbeiten.
- Sie beachtet vor allem den Produktionsprozess und den Ort der Erzeugung.
- Sie betrifft auch Zwischenprodukte oder einzelne Bauteile.
Besonders betroffen ist die Holz- und Papierindustrie. Hersteller, Händler und Importeure von Holzprodukten wie Möbeln, Bauholz, Zellstoff, Papierwaren oder Holzverpackungen müssen künftig nachweisen, dass das verwendete Holz nicht zur Entwaldung geführt hat. und müssen deshalb besonders die EU-Entwaldungsverordnung und verwandte Regulierungen beachten.
Möbel- und Holzindustrie im Fokus
So verarbeiten Hersteller von individuell gefertigten Möbeln oder Küchen große Mengen an Holz aus unterschiedlichen Lieferquellen. Sie müssen für jedes Bauteil genaue Materialinformationen verwalten. Ein Beispiel: Ein Schrankboden besteht aus Holz, ist beschichtet und hat eine bestimmte Oberfläche. Insgesamt besteht er aus verschiedenen Materialien. Herkömmliche ERP-Systeme verwalten Daten nicht auf dieser Ebene. Baut ein Küchenhersteller einzelne Schränke aus modularisieren Bauteilen, hat nicht jedes Teil eine eigene ERP- oder Einkaufsartikelnummer. Oft ist nur schwer nachzuweisen, dass ein Scharnier beispielsweise zu 70 Prozent aus Aluminium und zu 30 Prozent aus Kunststoff besteht. Fehlende Standardisierung und unvollständige Produktinformationen erschweren den lückenlosen Nachweis.
Herausforderungen im Überblick
- Neue EU-Vorgaben verlangen genaue Nachweise zur Materialherkunft
- Bestehende IT-Systeme erfassen oft keine Bauteilinformationen
- Fehlende Standardisierung erschwert Datenkonsistenz
- Globale Lieferketten erschweren den durchgängigen Datenaustausch
Die Lösung: Branchenübergreifender Klassifikationsstandard schafft Datentransparenz
Um alle Anforderungen der EUDR zu erfüllen, gibt es den offenen, branchenübergreifenden Klassifikationsstandard ECLASS. ECLASS definiert Merkmale, Einheiten und Werteklassen für Produkte, Anlagen und Dienstleistungen. Organisiert wird ECLASS durch den gleichnamigen Verein, der als Non-Profit-Organisation den Standard weiterentwickelt.
Die Umsetzung stellt allerdings viele Unternehmen der Möbelbranche vor Herausforderungen. Deshalb agiert das Beratungsunternehmen morphe* als Bindeglied zwischen dem Standard und den konkreten Anwendungen in Unternehmen. Es bietet unter anderem die Beratung und Umsetzung von Produktdatenarchitekturen auf Basis des Standards sowie Unterstützung beim Aufbau von technischen Lösungen mit Fokus auf Produktdatenmanagement, Compliance und digitale Zwillinge.
Produktdaten mit ECLASS im Griff
In der Praxis haben viele Unternehmen keine ausreichenden Daten über die in ihren Produkten verbauten Materialien. Komplexität, mangelnde Standardisierung und die historisch gewachsenen IT-Strukturen führen dazu, dass die Daten unvollständig oder gar nicht vorhanden sind. Der ECLASS-Standard kann alle relevanten Informationen zu einem physischen Objekt digital abbilden.
ECLASS erfüllt die weltweit geltenden Standards und folgende Kriterien:
- Er ist vollständig ISO- und IEC-konform,
- in vielen Sprachen verfügbar,
- branchenunabhängig,
- umfasst mehr als 28.000 Merkmale und
- bietet maschinenlesbare Mappings zu unterschiedlichen Standards.
Dazu gehören beispielsweise die ETIM-Klassifizierung für technische Produkte, Applia für Haushaltsgeräte und BuildingSMART für die Bauwirtschaft.
Digitale Verwaltungsschale dokumentiert Lebenszyklus
Ein besonders wichtiges Element ist die sogenannte Asset Administration Shell (AAS), die von morphe* in jede IT-Landschaft integriert wird. Diese digitale Verwaltungsschale ist in der Lage, Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu dokumentieren. Dabei geht es nicht nur um statische Stammdaten, sondern auch um dynamische Daten, die durch Reparaturen, Updates oder die Nutzung entstehen.
Die AAS kann in einer neutralen, IT-gestützten Datenstruktur verwirklicht werden. Sie muss langfristig verfügbar sein und sicher verwaltet werden. Auf diese Weise können Lieferanten aus unterschiedlichen Ländern dieselben Produktdaten nutzen. Dieser durchgängige, revisionssichere Datensatz wird über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes gepflegt und kann damit zur Basis für einen digitalen Produktpass werden.
Digitale Produktpässe und Datenräume
Der digitale Produktpass ist ein europäisches Regulierungsprojekt, das zunächst mit Batterien beginnt. Der Produktpass funktioniert wie ein Reisepass: Er enthält alle relevanten Eigenschaften eines Produkts in Form von maschinenlesbaren Daten, etwa über Herkunft, Materialzusammensetzung oder den CO2-Fußabdruck. Er begleitet ein Produkt „cradle to cradle“, also von der Herstellung bis zur Entsorgung oder dem Recycling.
Im Zusammenhang damit sind sichere Datenräume wichtig, in denen Unternehmen untereinander Daten über das Produkt austauschen können. Sie schaffen die Infrastruktur, um Informationen sicher, kontrolliert und domänenübergreifend zu teilen. Technisch basieren diese auf föderierten Architekturen, in denen Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten behalten. Diese Architektur ermöglicht es, Datenquellen zu harmonisieren und über Systemgrenzen hinweg nutzbar zu machen.
Das Ergebnis: Einheitliche Sprache für alle Systeme
ECLASS bewirkt, dass alle Maschinen und Softwaresysteme dieselbe Sprache sprechen und direkt miteinander kommunizieren können, ohne dass es zu Missverständnissen bei der Interpretation der Daten kommt. Die ECLASS-Architektur senkt damit den Aufwand für Datenrecherche und -aufbereitung deutlich.
Ein Unternehmen mit 5000 Mitarbeitenden kann durch die konsequente Nutzung von ECLASS und standardisierte Datencontainer bis zu 5,8 Millionen Euro pro Jahr einsparen – allein durch die Reduktion von Doppelarbeit und ineffizienten Prozessen. Gleichzeitig verbessert sich die Transparenz der Produktlebenszyklen. Mit ECLASS lassen sich Materialflüsse, Recyclingpotenzial und CO₂-Fußabdrücke lückenlos aufzeichnen.
Angaben zur Herkunft von Materialien vereinfachen den Einstieg in die Kreislaufwirtschaft, weil das Recycling deutlich rascher umgesetzt werden kann als bei nachträglicher Analyse des Materials. Darüber hinaus profitieren Entwicklung und Produktion von der Datensammlung: Produkte lassen sich schneller anpassen und Qualitätsdaten stehen konsistent für Auswertungen bereit.
Ergebnisse im Überblick
- Einheitliche Produktdaten durch ECLASS und AAS
- Reduzierter Aufwand für Nachweis und Datenpflege
- Hohe Transparenz über gesamte Produktlebenszyklen
- Grundlage für Kreislaufwirtschaft und Produktpass geschaffen
