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Privates 5G in der Schwerindustrie: Praxis aus dem Stahlwerk

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IoT Use Case Podcast 201 Siemens Salzgitter Flachstahl

In Episode 201 des IoT Use Case Podcasts spricht Host Dr. Peter Schopf mit Julian Altevogt, Leiter der Transportzentrale der Salzgitter Flachstahl GmbH, und Daniel Mai, Director Industrial Wireless Communication bei der Siemens AG (Digital Industries). Im Mittelpunkt der Folge steht die Frage, wie und warum ein privates 5G-Campusnetz in der Schwerindustrie eingesetzt wird. Anhand eines realen Anwendungsfalls aus der Stahlproduktion zeigen die Gäste, welche Rolle 5G für sichere, skalierbare und zukunftsfähige Industrieprozesse spielt – von autonomen Transportfahrzeugen bis zu KI-basierten Anwendungen unter Extrembedingungen.

Podcast Zusammenfassung

Wie lässt sich ein fahrerloses Transportsystem mit 100 Tonnen Gewicht, bis zu 650 °C heißen Coils und wechselnden Innen- und Außenbereichen sicher betreiben? In dieser Folge berichten Julian Altevogt von der Salzgitter Flachstahl GmbH und Daniel Mai von der Siemens AG, warum ein privates 5G-Netz die technologische Grundlage für diesen Use Case bildet.

Die Herausforderung: Große Werksflächen, harte Umgebungsbedingungen, Safety-Kommunikation in Echtzeit und steigende Anforderungen an Datenmengen und Verfügbarkeit. Klassische WLAN-Infrastrukturen stoßen hier schnell an Grenzen – durch Interferenzen, hohen Installationsaufwand und mangelnde Skalierbarkeit.

Die Lösung: Ein privates 5G-Campusnetz mit lizenziertem Frequenzspektrum, klarer Zugangskontrolle und hoher Funkstabilität. Es ermöglicht zuverlässige Safety-Telegramme, Live-Übertragung von KI-Kamerastreams und eine robuste Konnektivitätsbasis für autonome Fahrzeuge. Gleichzeitig bleibt WLAN dort im Einsatz, wo Einzelanwendungen oder kleinere Bereiche ausreichend abgedeckt werden können.

Das Ergebnis: Ein stabiler, schrittweise skalierbarer Betrieb – von 85 Metern Fahrstrecke bis zur perspektivischen Ausweitung auf größere Areale. Die Folge zeigt praxisnah, wie Industrieunternehmen 5G als Infrastruktur denken, welche organisatorischen und regulatorischen Aspekte zu beachten sind und warum private Mobilfunknetze ein Schlüssel für Automatisierung, KI und sichere Industrie-Digitalisierung sind.

👉 Eine Folge für Entscheider, OT- und IT-Verantwortliche, die reale 5G-Anwendungen jenseits von Buzzwords verstehen wollen.

Podcast Interview

Heute im IoT Use Case Podcast: Wie und warum setzt man ein privates 5G-Netz in der Industrie ein? Zu Gast sind Julian Altevogt, Leiter der Transportzentrale der Salzgitter Flachstahl GmbH, und Daniel Mai, Director Industrial Wireless Communication bei Siemens Digital Industries. Wir reden also nicht über irgendeine Industrie, sondern über echte Schwerindustrie. Viel Spaß.

Hallo und herzlich willkommen zum IoT Use Case Podcast. Ich bin euer Podcast-Co-Host Dr. Peter Schopf, gerne per du, und ich vertrete Madeleine Mickeleit für die nächsten Monate. Bevor wir uns hier im Studio ausführlicher vorstellen: Julian, erzähl doch mal, was aus deiner Sicht relevant ist. Warum sollten die Hörerinnen und Hörer bis zum Ende dranbleiben?

Julian

Weil hier technisches Know-how zusammenkommt, gerade für diese ganzen Use Cases im IoT.

Sehr schön. Daniel, aus deiner Sicht?

Daniel

Spannend ist die Applikation, die Julian und ich zusammen realisiert haben. In einem Stahlwerk, mit großen, schweren Maschinen, heißem Umfeld, Dampf, Rauch und Gas. Und das in Verbindung mit 5G-Technologie – das ist sicher spannend, was wir da alles realisieren.

Wir haben hier also zwei echte Schwergewichte im Raum. Nicht nur ihr, sondern auch eure Unternehmen. Die Salzgitter Flachstahl GmbH verursacht rund ein Prozent des bundesweiten CO-Ausstoßes – damit ist das wirklich ein Schwergewicht, gerade im Umweltkontext. Gleichzeitig habt ihr ein Innovationsprojekt aufgelegt, das rund 90 Prozent dieses Ausstoßes einsparen soll. Das ist enorm. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Julian, mein Verständnis ist, dass du vieles in Bewegung hältst und die Themen ins Rollen bringst. Erzähl doch mal ein bisschen von dir.

Julian

Punkt eins: Das ist eine Gemeinschaftsleistung. Wir sind sogar noch zielstrebiger und wollen in den nächsten Jahren 95 Prozent unseres CO₂-Ausstoßes reduzieren. Schwerindustrie heißt große Prozesse und große Prozessanlagen. Bei uns laufen am Standort drei Hochöfen, wir produzieren pro Jahr fast 4,7 Millionen Tonnen Rohstahl und sind damit der zweitgrößte Stahlhersteller Deutschlands. Um das abzurunden: Die Salzgitter Flachstahl GmbH ist die größte Tochter der Salzgitter AG. Solche Maßnahmen setzt man nur mit einem großen, engagierten Team um. Dafür gibt es ein Projekt, das Salzgitter Low CO2 Steelmaking heißt, kurz SALCOS®. Da sieht man, was wir vorhaben. Das ist ein riesiges Projekt. Hier sind überall Kräne, es ist wie eine Operation am offenen Herzen: Wir müssen weiter produzieren, damit das Geschäft läuft, und gleichzeitig verändern wir massiv Routen und Fertigungsprozesse. Das ist wirklich eindrucksvoll.

Einer der Partner, die euch dabei unterstützen, ist die Siemens AG – und heute ist Daniel von Siemens hier. Das freut mich besonders, weil ich selbst eine lange Siemens-Vergangenheit habe, 14 Jahre, zuletzt auch bei Digital Industries. Daniel ist mitverantwortlich für Industrial Wireless Communication bei Siemens. Erzähl doch mal aus deiner Sicht: Wie arbeitet ihr mit Salzgitter zusammen, und seit wann bist du in dem Thema aktiv?

Daniel

Bei Siemens bin ich sogar noch etwas länger als du, Peter, fast 20 Jahre, und das durchgehend im Bereich Digital Industries. Wir stehen für Automatisierung und Digitalisierung und bringen KI zunehmend breit in die Industrie. Dadurch steigen die Anforderungen an die Kommunikation der Assets, die miteinander vernetzt werden müssen, oft auch drahtlos. WLAN beziehungsweise Wi-Fi setzen wir seit über 20 Jahren erfolgreich in der Industrie ein. Seit rund zwei Jahren sind wir besonders stolz darauf, ein 5G-Angebot für die Industrie eingeführt zu haben, das genau solche Betriebe und Operationen unterstützt, wie Julian sie gerade beschrieben hat. Auf großen Campusflächen Kabel zu verlegen oder WLAN flächendeckend auszuleuchten, ist oft sehr teuer. Genau hier passt 5G als Technologie hervorragend.

5G gilt ja allgemein als Zukunftstechnologie, auch für Endanwender. Spannend finde ich, dass wir jetzt einmal tiefer in die Industrie eintauchen.

[04:35] Herausforderungen, Potenziale und Status quo – So sieht der Use Case in der Praxis aus

Julian, erklär doch bitte unseren konkreten Anwendungsfall. Was passiert dort genau?

Julian

Wir haben ein AGV, also ein fahrerloses Transportsystem, das regelmäßig eine Strecke von rund 85 Metern zurücklegt, allerdings mit zwei Coils. Coils sind unsere aufgewickelten Flachstahlprodukte. Dieses AGV transportiert Coils mit Temperaturen von bis zu 650 Grad und einem Gewicht von bis zu 35 Tonnen. Zusammen mit dem Eigengewicht kommt das Fahrzeug auf rund 100 Tonnen. Das ist also nichts, was man aus Videos von Google oder DHL aus Paketlagern kennt, wo kleine Fahrzeuge schnell umherfahren. Unser AGV bewegt sich mit etwa 5 km/h, ist dafür aber extrem schwer. Angefordert wird es von einem Kranfahrer über das Lagerverwaltungssystem. Per Knopfdruck setzt sich das Fahrzeug in Bewegung, die Coils werden aufgelegt und anschließend transportiert. Das Besondere ist, dass das Fahrzeug nicht nur innerhalb der Halle fährt, sondern auch im Außenbereich. Es ist mit umfangreichen Sicherheitseinrichtungen ausgestattet und fährt ohne Zäune. Das ist bei 100 Tonnen schon eine besondere Herausforderung, denn Kollisionen möchte man unbedingt vermeiden. Es gibt Safety-Kommunikation und Notausschalter im Umfeld. Wenn eine Störung erkannt wird und jemand den Notaus betätigt, muss das Fahrzeug sofort und sicher stehen bleiben. Ein weiteres Highlight ist aus meiner Sicht, dass ich die Transportzentrale leite und dort fast 500 Fahrzeuge betreut werden. Das AGV braucht daher eine vollständige Rundumsicherheit, etwa durch Laserscanner. Zusätzlich haben wir KI-Kameras verbaut, die eine 360-Grad-Rundumsicht ermöglichen. Diese Kameras erkennen sofort Menschen oder Körperteile und übertragen das Bild über 5G in Echtzeit an einen Monitor im Steuerstand. So sieht der Bediener genau, was das Fahrzeug sieht, auch wenn es sich an einem weit entfernten Ort befindet. Das alles passiert in einer Umgebung, in der sich Menschen, Stapler, LKWs und andere Fahrzeuge bewegen. Einen sicheren Betrieb unter diesen Bedingungen zu gewährleisten, ist eine echte Herausforderung.

Um das richtig zu verstehen: Es gibt also keine Schienen, das Fahrzeug fährt flexibel.

Julian

Genau. Es fährt den Weg dorthin, wo der Kranfahrer es braucht. Natürlich gibt es vorprogrammierte Positionen. Der Kranfahrer fordert das Fahrzeug an und es fährt selbstständig dorthin. Wenn jemand den Weg kreuzt, hält das Fahrzeug automatisch an und setzt die Fahrt anschließend selbstständig fort.

Was könnte denn schieflaufen, wenn man stattdessen auf WLAN setzt? Wenn man die Funktechnologien grob einordnet, hat man 5G als moderneres WLAN und vielleicht noch LPWANs für Spezialanwendungen. Das sind im Wesentlichen die relevanten Optionen. Wie unterscheidet ihr das, und warum braucht man hier 5G?

Julian

Wir haben sehr viele WLAN-Anwendungen, das ist einfach historisch gewachsen. Gleichzeitig haben wir dadurch aber auch Situationen, in denen zum Beispiel ein LKW-Fahrer von einer Spedition ankommt und selbst einen WLAN-Hotspot nutzt. Es gibt Interferenzen und Störungen, das kann alles passieren, gerade in unserer rauen Umgebung. Für uns war genau das der Grund, warum wir diesen Test angestoßen haben, der sich bisher auch sehr gut bewährt. Ein privates 5G-Netz mit privater SIM-Karte, privatem Netz und klarer Absicherung bietet ganz andere Vorteile. Das ist das Entscheidende daran. Solange niemand autorisiert ist, also keine passende Karte hat oder besondere Zugriffsrechte, ist das System in sich sicher.

Daniel

Interferenzen waren bei WLAN schon immer ein Thema. Deshalb gab es über die Jahre viele Protokollerweiterungen, um WLAN industrietauglich und möglichst echtzeitfähig zu machen. Das fällt bei 5G weitgehend weg, weil wir in Deutschland und vielen anderen Ländern die Möglichkeit haben, privates Campus-Spektrum von der Bundesnetzagentur zu nutzen. Das ist erst seit einigen Jahren möglich und war ein langjähriger Wunsch vieler Kunden. Zudem ist das sehr günstig. Für unsere Fabrik in Karlsruhe kostet das Spektrum zum Beispiel rund 500 Euro pro Jahr. Ein Premium-Mobilfunkvertrag kann teurer sein als das Frequenzspektrum für einen ganzen Campus. Da es sich um lizenziertes Spektrum handelt, kann man mit höheren Sendeleistungen arbeiten, kommt mit weniger Infrastruktur aus und kann genau berechnen, ab welcher Fläche ein 5G-Campusnetz günstiger ist als WLAN. Bei Julian ist der Campus schlicht zu groß, um ihn wirtschaftlich mit WLAN auszuleuchten. Genau hier spielt 5G seine Stärken aus, ohne WLAN obsolet zu machen.

Die Ergänzung leuchtet ein. Wenn man das nun einführen möchte: Es gibt also eine Lizenz der Bundesnetzagentur. Beantragt man die direkt oder wie sehen die konkreten Schritte aus, um ein solches 5G-Netz aufzubauen?

Daniel

Julian, erzähl doch mal, wie ihr das konkret umgesetzt habt.

Julian

Es war ehrlich gesagt überhaupt nicht so schmerzhaft, wie ich es mir anfangs vorgestellt hatte, mit den Behörden in Kontakt zu treten und zu sagen, dass wir da etwas vorhaben und dafür ein privates 5G-Netz benötigen. Wir haben bei uns im Unternehmen eine sehr leistungsstarke Einheit, die Digital Solution, die das Thema übernommen hat. Dort kennt man die Ansprechpartner für Funkfrequenzen und ähnliche Themen und konnte bestehende Kontakte nutzen. Das war alles völlig undramatisch. Im Prinzip lief es ähnlich wie bei anderen Funkfrequenzen, die man sonst beschafft, nur dass man gesagt hat: Jetzt machen wir eben 5G. Dann kam die Frage, welche Fläche wir abdecken wollen. Wir haben das ganz pragmatisch auf einer Karte markiert und gesagt, hier ist unser Gelände und hier möchten wir das Netz betreiben. Anschließend hieß es, das kostet für zehn oder zwanzig Jahre einen bestimmten Betrag, optional mit zusätzlichen Messleistungen. Wir haben gesagt, zehn Jahre reichen uns erst einmal für diesen Bereich. Dann haben wir das beantragt, die Freigabe bekommen und durften auf unserem Gelände an den definierten Stellen 5G einsetzen. Danach kamen die Kolleginnen und Kollegen von Siemens mit den Sende- und Empfangseinheiten, und wir haben losgelegt. Bisher hat uns niemand den Stecker gezogen, also gehe ich davon aus, dass wir alles korrekt umgesetzt haben.

Daniel

Im Prinzip ist der Antrag bei der Bundesnetzagentur tatsächlich ein sehr einfacher Prozess. Technisch muss man natürlich trotzdem seine Hausaufgaben machen. Dazu gehört eine saubere Planung der Ausleuchtung und ein Site Survey, ähnlich wie man es auch vom WLAN kennt. Gerade Kunden, die mit der Technologie noch nicht so vertraut sind, können wir dabei unterstützen, ebenso zertifizierte Partner, die gewohnt sind, drahtlose Netze in industrielle Umgebungen zu bringen. Am Ende ist es aber genau das, was Julian beschrieben hat: Man plant die Ausleuchtung, legt die Antennenstandorte fest, dann kommen die Elektriker, montieren die Komponenten und schließen alles an. In unserem Fall ist es relativ simpel: Ein Core-Rechner wird in einem 19-Zoll-Schrank installiert, Glasfasern werden zu den Antennen gezogen, und das war es im Wesentlichen.

Das klingt gar nicht so schwierig. Ich könnte mir aber vorstellen, dass auf dem Weg dorthin trotzdem die eine oder andere Herausforderung lauert. Wenn ihr jetzt zurückblickt und sagt, ihr würdet es noch einmal machen: Gab es Themen oder Situationen, die aufgetreten sind und die ihr heute vielleicht anders angehen würdet?

Julian

Wir haben uns in diesem Projekt von Anfang an vernünftig abgestimmt und offen miteinander gesprochen. Wir haben Siemens gefragt, wie weit sie sind, und Siemens hat uns gefragt, wie es bei Salzgitter aussieht, zumal wir das Ganze ja parallel zum laufenden Produktionsbetrieb umsetzen. Wir haben gemeinsam festgelegt, wie eng die Leitplanken gesetzt werden und wie wir vorgehen wollen. Die Beschaffung der 5G-Frequenz für unseren Bereich war im Vergleich dazu tatsächlich der einfachste Teil. Alles andere war eben nicht nach dem Motto „hinstellen, Knopf drücken und es läuft“. Der große Vorteil lag in der Zusammenarbeit unserer beiden Unternehmen, der Projektleitungen und aller Beteiligten. Der Umgang miteinander war sehr konstruktiv. Wir haben uns nicht gegenseitig das Leben schwer gemacht mit Aussagen wie „du wolltest doch schon vor drei Wochen fertig sein“ oder „warum funktioniert das jetzt noch nicht“, „die Antenne muss woanders hin“ oder „hier fehlt noch ein Protokoll oder ein Stecker“. So ist normales Projektgeschäft, und jeder, der schon einmal etwas umgesetzt hat, kennt das. Mit dem richtigen Team und der richtigen Einstellung haben wir das trotzdem sehr zügig hinbekommen. Wir haben uns gegenseitig gepusht. Daniel hat gesagt, so und so muss es funktionieren, und wir haben mit Unterstützung aus Karlsruhe nachgezogen. Umgekehrt gab es Punkte, bei denen wir gesagt haben, das hätten wir uns anders vorgestellt, und Siemens hat erklärt, welche Unterstützung dafür nötig ist. Die haben wir dann auch geliefert. Am Ende ist es wie in jeder guten Zusammenarbeit: Jeder muss etwas investieren, damit alle gemeinsam ans Ziel kommen.

Geben und nehmen, sehr schön. Daniel, aus deiner Sicht lernt man aus jedem Projekt dazu. Was sind deine Learnings aus diesem Projekt oder auch aus anderen Projekten? Worauf sollte man besonders achten, wenn man so ein Vorhaben angeht?

Daniel

Es ist immer spannend, wenn man eine neue Technologie in die Industrie einführt, weil es natürlich Vorbehalte gibt. Viele sehr erfahrene Kolleginnen und Kollegen haben Dinge über Jahre hinweg auf eine bestimmte Art gemacht. Das hat auch Julian erlebt: „Das haben wir doch schon immer so gemacht.“ Und dann muss man plötzlich etwas Neues ausprobieren. Gerade drahtlose Kommunikation in der Automatisierung hat oft den Ruf, dass das, was der Elektriker oder Automatisierer nicht mit dem Multimeter messen kann, am Ende auch nicht zuverlässig funktioniert. Diese Wahrnehmung gibt es nach wie vor. Deshalb war es uns wichtig, das System so zu gestalten, dass es für den Automatisierer greifbar und gut handhabbar ist. Julian hat zu Beginn erwähnt, dass über das Netz auch Safety-Kommunikation läuft. Das ist in der industriellen Kommunikation der heilige Gral, denn wenn diese Safety-Telegramme nicht rechtzeitig ankommen, bleibt das AGV sofort stehen. Das hat nicht vom ersten Tag an perfekt funktioniert, ist inzwischen aber stabil integriert. Auch wir haben daraus gelernt und die Lösung an die Anforderungen angepasst. Am Ende läuft das AGV, und das ist entscheidend. Julian hat es einmal gesagt: Das System muss laufen, weil sonst sehr schnell horrende Kosten entstehen, im sechsstelligen Bereich.

Julian

Genau deshalb muss es zuverlässig und verfügbar sein. Das macht dann auch Spaß, wenn man gemeinsam den Fokus darauf hat, wo man hinwill und was man realisieren möchte.

Daniel

Gleichzeitig wird damit greifbar, dass ein Automatisierer heute tatsächlich sein eigenes Mobilfunknetz betreiben kann. Wenn man sich das vor Augen führt, ist das ein großer Schritt. Der Weg dahin hat viel Kraft, Mühe und Arbeit gekostet. Heute können wir OT-Applikationen inklusive Kamerastreams, Upload- und Downloadkapazitäten und Traffic-Profilen so umsetzen, dass sie exakt zu industriellen Anwendungen passen.

Julian

Was man dabei nicht vergessen darf: Es geht nicht nur um Software und Integration. Auch aus den Fachabteilungen, aus IT und OT, kam sehr positives Feedback, weil die Oberflächen deutlich einfacher zu konfigurieren sind. Man merkt hier einfach die Entwicklungssprünge. Das ist auch einer der Gründe, warum wir seit vielen Jahren Automatisierungskomponenten der Siemens AG einsetzen. Das klingt jetzt fast wie Werbung, aber die Hardware ist extrem robust und unterliegt vielen Tests. Wir hatten früher Versuche, bei denen Antennen in unserer Umgebung sehr schnell zu geschmolzenen Klumpen geworden sind. Die neuen Komponenten halten das aus.

Wenn man über solche Projekte spricht, redet man sehr gerne über Technologie, weil sie greifbar ist. Oft greift das aber zu kurz, weil sich mit neuen Technologien auch Prozesse verändern. Ein 5G-Netz ermöglicht plötzlich ganz andere Abläufe, wie ihr sie hier umgesetzt habt. Dazu kommen die Menschen, die Anwenderinnen und Anwender, mögliche Vorbehalte gegenüber neuen Interfaces und Themen wie der Betriebsrat, gerade wenn es um KI-Kameras geht, die das Umfeld erfassen könnten. Wenn man auf Prozesse, Menschen, Abläufe, Freigaben und Stakeholder schaut: Wo seht ihr die größten Herausforderungen?

Julian

Klar, es ist eine neue Technologie. Die erste Reaktion ist oft: Werde ich jetzt zum Netzbetreiber? Bin ich plötzlich eine Telekom oder Vodafone, und was bedeutet das eigentlich? Welche rechtlichen Konsequenzen hat das für einen Geschäftsführer, für die IT oder für den Betreiber der Anlage? Das muss man erst einmal sauber betrachten und einordnen. Wenn man das getan hat, stellt man fest, dass es am Ende gar nicht so dramatisch ist. Ein Vorteil bei uns ist, dass wir im Warmwalzwerk, in dem dieses AGV fährt, sehr technikaffine Kolleginnen und Kollegen haben. Die sagen dann: Gib mir die Box, ich schaue mir an, was sie kann. Das ist extrem wichtig. Hätten wir ausschließlich eingefleischte WLAN-Verfechter gehabt, die sagen, es gibt nichts anderes auf der Welt, wäre es deutlich schwieriger gewesen. Aber auch diese Kolleginnen und Kollegen hatten wir mit im Boot, und sie haben konstruktiv gesagt, wo noch etwas fehlt oder wo es noch nicht reicht.
Natürlich kommt dann die Frage: Seid ihr sicher, dass ihr mit 100 Tonnen nicht über jemanden drüberfahrt, wenn jemand stolpert oder ein Fahrradfahrer den Weg kreuzt? Wie verhält sich das System dann? Da muss man klar sagen: Das ist primär eine Frage der Fahrzeugtechnik. Die Systeme scannen ihre Umgebung, prüfen Situationen und müssen fehlersicher reagieren. Trotzdem ist das Thema Kameras mit künstlicher Intelligenz sensibel. Wenn Kameras bereits reagieren, sobald sie nur einen Finger erkennen, einen roten Rahmen setzen und auswerten können, wie viele Personen sie sehen, ist man sehr schnell beim Thema Betriebsrat, Verhaltens- und Leistungskontrolle. Wir haben hier ein sehr partnerschaftliches Verhältnis zum Betriebsrat. Wir sind das gemeinsam durchgegangen und haben klar geregelt, was wir testen, wer Zugriff hat, welche Rollen es gibt und vor allem, ob aufgezeichnet wird oder nicht. In unserem Fall zeichnen wir nicht auf, wir streamen live auf einen Monitor. Damit gibt es keine Möglichkeit, im Nachgang zu sagen, wer zu spät gekommen ist oder was jemand gemacht hat. Das war uns sehr wichtig.
Ich kann jedem empfehlen, der ein solches Projekt angeht: Bindet den Betriebsrat frühzeitig ein und sprecht offen über die Risiken. Unser Betriebsrat hat gesagt, wir finden es gut, dass ihr neue Technologie ausprobiert, testet das und haltet uns auf dem Laufenden. Wenn das größer wird, auf mehrere Fahrzeuge ausgeweitet wird oder neue Anwendungen hinzukommen, dann müssen wir erneut darüber sprechen. Digitalisierung funktioniert nur mit Mitbestimmung. Vollkommen richtig ist aber auch: Diese ganzen Themen gehören dazu. Es ist kein „auspacken, einschalten und es läuft“.

Wenn man die Grundlagen sauber legt, kann man darauf aufbauen. Du hast gerade den Blick in die Zukunft angesprochen. Ihr habt heute einen sehr starken Anwendungsfall mit diesen 100-Tonnen-Coils auf dem Fahrzeug, mit Hitze und Abstrahlung. Das ist schon extrem. Wenn man nach vorne schaut, sieht man kleinere AGVs, mobile Roboter oder perspektivisch auch humanoide Roboter, die ein stabiles Netz brauchen. Kommt man da langfristig an eigenen Frequenzen überhaupt noch vorbei? Daniel, vielleicht erst einmal dein Blick auf 5G und die Zukunftsperspektiven.

Daniel

Ich denke, das Thema Digitalisierung ist in aller Munde. Gleichzeitig gehen immer mehr Menschen in Rente, Know-how verschwindet vom Arbeitsmarkt und muss kompensiert werden. KI wird deshalb auch in der Industrie zunehmend breit eingesetzt. Jeder kennt das aus dem privaten Umfeld, viele nutzen KI-Tools für ein kurzes Brainstorming oder um Vorlagen zu erstellen. Genau das wird auch in der Industrie passieren. Kameras sind dabei nur ein Anwendungsfall. Der größere Hebel liegt in datengestützten Entscheidungen. Dafür braucht es Konnektivität. Große Datenmengen müssen von A nach B transportiert werden, um KI-Systeme zu versorgen, die daraus Entscheidungen ableiten. Automatisierung in der Breite ist ein weiterer Treiber. Auch bei der Salzgitter Flachstahl GmbH gibt es heute noch Kräne, die manuell bedient werden. Kurz- oder mittelfristig werden viele dieser Anwendungen automatisiert werden, weil es immer schwieriger wird, Personal zu finden, das diese Tätigkeiten ausüben kann oder will. KI und Automatisierung sind aus meiner Sicht die zentralen Treiber, die den Einsatz von 5G in der Industrie rechtfertigen.

Julian

Dazu kommt der Aspekt der Sicherheit. Wir sind ein Unternehmen, das unter die KRITIS-Regelungen fällt. In der Stahlherstellung können wir es uns nicht leisten, dass jemand von außen eingreift, am Zaun steht und unsere Produktion stört oder lahmlegt. Genau hier liegt ein großer Vorteil privater Netze. Wenn ich zurückdenke: Wir alle haben eine gewisse Siemens-Vergangenheit, Daniel ist ja noch dort. Früher hatten wir Modems mit seltsamen Geräuschen, ein paar Kilobyte haben gereicht. Heute schauen Kinder irritiert, wenn man ihnen so etwas zeigt. Bei einer KI-Kamera sitzen heute vorne 16-Megapixel-Sensoren, davon mehrere gleichzeitig. Die Datenmengen sind massiv gestiegen, gleichzeitig müssen die Latenzen sehr gering sein. Das muss zuverlässig funktionieren.

[24:50] Übertragbarkeit, Skalierung und nächste Schritte – So könnt ihr diesen Use Case nutzen

Mich interessiert zum Abschluss noch die Abgrenzung zwischen WLAN und 5G. Daniel, wenn ihr mit Kunden vor einem neuen Projekt steht und einen Entscheidungsbaum habt: Wann entscheidet ihr euch für WLAN, wann für 5G? Und verschiebt sich diese Grenze mit der Zeit?

Daniel

Das ist sehr individuell und hängt stark vom jeweiligen Kunden ab. Vieles ist historisch gewachsen, und ein Stahlwerk wurde nicht erst gestern aufgebaut. Dahinter stecken oft Jahrzehnte an Erfahrung. Kunden, die in der Breite digitalisieren, so wie Julian es eingangs beschrieben hat, denken eher in Richtung einer generellen Konnektivitätsplattform. Es geht darum, von jeder Stelle im Werk Daten abgreifen zu können. Sobald eine gewisse Fläche vorhanden ist, gerade in der Schwerindustrie mit sehr großen Arealen, eignet sich 5G besonders gut. Geht es hingegen um eine einzelne Applikation, ist WLAN weiterhin absolut ausreichend. Mit einer Einzelapplikation meine ich zum Beispiel ein einzelnes AGV oder ein automatisches Warenlager. Das ist ein überschaubarer Umfang, bei dem ich die Kanalplanung machen, die Anzahl der Teilnehmer festlegen und die benötigte Bandbreite sehr genau berechnen kann. 5G setzt eine Ebene darüber an und wird eher als Infrastruktur verstanden, mit dem Ziel, flächendeckend Konnektivität bereitzustellen und Daten zu sammeln. In Gebäuden funktioniert WLAN hervorragend. Sobald es aber um Außenflächen, sehr große Hallen oder weitläufige Areale geht, wird es mit WLAN oft schwierig. Dabei geht es weniger um die Kosten einzelner Access Points oder 5G-Antennen, sondern um den Gesamtaufwand für Installation, Inbetriebnahme und Betrieb. Ab einer bestimmten Größe lässt sich ein Break-even berechnen, bei dem es einen deutlichen Unterschied macht, ob man hundert Access Points mit entsprechender Verkabelung installiert oder denselben Bereich mit acht oder zehn 5G-Antennen abdeckt. Das ist sehr kundenspezifisch. Zum Glück gibt es hier kein Schwarz-Weiß, beide Technologien haben ihre klare Daseinsberechtigung.

Julian, ist es bei euch auch schon einmal schiefgegangen, dass ihr auf das falsche System gesetzt habt oder Ausfälle hattet?

Julian

Nein, niemals, sowas würde uns natürlich nie passieren. Aber im Ernst: Das gehört zum Lernen dazu. Wir haben Anwendungen, bei denen wir sehr gute WLAN-Technik anderer Hersteller eingesetzt haben, die jahrelang stabil lief. Bis dann irgendwann ein LKW mit einer Betonpumpe kam, diese gesteuert wurde und plötzlich Störungen auftraten, weil vorher bestimmte Frequenzen nicht berücksichtigt wurden. Solche Dinge passieren, und daraus lernt man. Natürlich haben wir auch Lösungen umgesetzt, die nicht funktioniert haben. Genau deshalb halte ich Proof-of-Concepts für extrem wichtig, bei denen man partnerschaftlich klare Leitplanken definiert und Dinge ausprobieren kann. Man ist sich dann nicht böse, wenn es nicht funktioniert oder wenn man statt zwölf Monaten eben 18 oder 24 Monate braucht. Entscheidend ist, dass es am Ende funktioniert. Genau mit dieser Haltung sind Daniel und ich auch in das Projekt gegangen und haben klar gesagt: Hier arbeiten zwei deutsche Unternehmen zusammen, die in Deutschland entwickeln und bauen und ein hohes Ingenieur-Know-how mitbringen. Das gibt es auf beiden Seiten. Für mich ist es außerdem wichtig, Ingenieurinnen und Ingenieure zu gewinnen, die nicht auf die Stahlindustrie schauen und denken, das sei alt, dreckig und ohne Zukunft. Wir haben hochkomplexe Anwendungen, bei denen beispielsweise Spannungen von bis zu 20 kV in wenigen Mikrosekunden auf riesige 12-MW-Motoren geschaltet werden. Hier gibt es technologisch alles, was man sich vorstellen kann. Es sieht vielleicht grauer aus, aber es ist extrem anspruchsvoll. Gemeinsam haben wir festgelegt, was uns wichtig ist, und das umgesetzt. Das Ergebnis ist, dass das AGV fährt und jeden Tag zuverlässig seinen Job macht. Wenn man dann zurückblickt, relativieren sich viele Diskussionen. Es fährt, und es fährt mit 5G. Genau das soll es tun, stabil und zuverlässig. Für uns ist entscheidend, dass das, was auf 85 Metern funktioniert, zunächst auf 250 Meter und später auf 1.200 Meter skaliert wird. So entwickeln wir uns Schritt für Schritt weiter, stabil und funktionierend.

Das hast du aus meiner Sicht sehr schön zusammengefasst, Julian. Gerade das ist ein Punkt, den man immer wieder sieht: In Deutschland machen wir sehr viel Gutes und qualitativ Hochwertiges, sind aber oft nicht besonders gut darin, darüber zu sprechen. Mit diesem Podcast haben wir einen wichtigen Schritt gemacht, um genau das zu teilen. Du hast eigentlich schon sehr gute Abschlussworte gefunden. Deshalb möchte ich dir, Daniel, noch die Möglichkeit geben: Was ist deine Zusammenfassung, deine abschließenden Worte aus deiner Sicht?

Daniel

Ich denke, wir haben sehr gute Lösungen für Deutschland. Wir kommunizieren darüber oft eher zurückhaltend. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn auf der anderen Seite versprechen wir nichts, was wir nicht auch halten können. Ich bin deshalb guter Dinge. Mit der weiteren Verbreitung von KI wird das ein ganz wichtiges Element für die deutsche Industrie und für die Aufrechterhaltung der Produktivität sein.

Eure Kontaktdaten, ich denke LinkedIn bietet sich an, ihr seid dort beide aktiv. Das werden wir in den Show Notes verlinken. Ich bedanke mich ganz herzlich für den sehr interessanten Austausch und wünsche euch weiterhin viel Erfolg. Vielleicht laufen ja irgendwann Roboterarmeen durch das Werk, alle sicher vernetzt über 5G. Darauf freue ich mich schon.

Julian

Vielen lieben Dank euch.

Daniel

Vielen Dank.

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Ing. Madeleine Mickeleit

Mrs. IoT✌️Gründerin der IIoT Use Case GmbH | IoT Business Development | Welche Use Cases funktionieren – und WIE? Fokus auf Praxis! #TechBusiness #Mehrwert