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Digitaler Produktpass: Produktdaten mit ECLASS und AAS interoperabel bereitstellen

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In dieser Episode des IoT Use Case Podcasts spricht Gastgeber Dr. Peter Schopf mit Thorsten Kroke (ECLASS e.V.), Adrian Grüner (Neoception) und Simone Brinkmann-Tewes (WAGO) darüber, wie ECLASS-Semantik und die Asset Administration Shell (AAS) Produktdaten so standardisieren, dass sie für den Digitalen Produktpass (Digital Product Passport, DPP) und für interoperablen Datenaustausch wiederverwendbar werden.

 

Podcast Zusammenfassung

Viele Industrieunternehmen müssen Produktdaten für Einkauf, Engineering und Service über mehrere Systeme (ERP/PLM/PIM) hinweg bereitstellen – künftig zusätzlich im Kontext des Digitalen Produktpasses (Digital Product Passport, DPP) der EU. Im Podcast wird gezeigt, wie fehlende Semantik und uneinheitliche Begriffe (z. B. „Höhe“ vs. „Tiefe“ je nach CAD/CAE-Kontext) zu Interpretationsaufwand, Fehlern und manueller Nacharbeit führen. 

Als Ansatz dienen standardisierte Datencontainer und eindeutige Merkmalsdefinitionen: Die Asset Administration Shell (AAS) strukturiert den Austausch, ECLASS liefert die Semantik für Klassifikation und Merkmale. WAGO nutzt gemeinsam mit Neoception ein Mapping von Quellsystemdaten auf ECLASS (Advanced), um Informationen konsistent bereitzustellen und perspektivisch in verschiedene Senken (u. a. CAD-Portale, Website, DPP) auszuleiten. Für IT/OT-Entscheider entsteht so ein skalierbarer Weg, Integrationskosten zu senken, Datensouveränität zu behalten und regulatorische Anforderungen mit wiederverwendbaren Datenbausteinen zu erfüllen. 

Podcast Interview

Heute im IoT-Use-Case-Podcast sprechen wir über eine ganze Reihe spannender Konzepte wie die Verwaltungsschale (Asset Administration Shell), die Semantik von ECLASS, den digitalen Produktpass, die Kontroverse um den digitalen Zwilling und vieles mehr. Das wird von meinen Gästen greifbar erklärt, anhand praktischer Beispiele und mit Blick auf die strategische Relevanz für Unternehmen. Wir diskutieren, warum es wichtig ist, hier aktiv zu werden. Zu Gast sind Vertreter von drei Organisationen: ECLASS e.V., ein eingetragener Verein, der weltweit etablierte Klassifikationsstandards für Produktstammdaten in der Industrie bereitstellt; Neoception, ein auf digitale Zwillinge und die Verwaltungsschale spezialisierter Lösungsanbieter; und WAGO, ein international tätiges Familienunternehmen aus der Verbindungs- und Automatisierungstechnik mit rund 9.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von über 1 Milliarde Euro. Der digitale Ausweis für Produkte – macht das Sinn? Wir klären es gemeinsam.

Hallo und herzlich willkommen zum IoT Use Case Podcast. Mit mir, eurem Host Dr. Peter Schopf, und heute gleich drei interessanten Gesprächspartnern: Thorsten Kroke, Managing Director ECLASS e.V., Adrian Grüner, Director of Sales Excellence bei Neoception, und Simone Brinkmann-Tewes, Head of Digital Engineering Experience von WAGO. Damit wir trotz der vielen interessanten Gesprächspartner direkt zur Sache kommen, fangen wir mit Thorsten an, der uns das große Ganze rund um Datenstandards erklärt, gehen dann zu Adrian weiter, der die spezifische Lösung darstellt, und als Drittes zu Simone, um den konkreten Einsatz zu diskutieren. Simone und Adrian, springt gerne auch schon früher rein, wenn euch etwas einfällt oder ihr Kommentare habt. Thorsten, zu dir: Stell dich doch bitte kurz vor – wo bist du gerade, was machst du, und was macht ECLASS?

Thorsten

Vielen Dank, Peter, und erneut danke für die Einladung. Thorsten Kroke ist mein Name. Wie du schon gesagt hast: General Manager des ECLASS e.V. – und dieses Jahr mein Zehnjähriges. Ich bin schon länger dabei, von der Profession Wirtschaftsinformatiker, war in der Unternehmensberatung, habe sieben Jahre lang die Standardisierung der Daten bei REWE angestoßen und darf jetzt seit zehn Jahren ECLASS machen. ECLASS ist ein globaler, semantischer digitaler Standard, um Produkte zu klassifizieren und zu beschreiben. Das ist für Systeme und Maschinen wichtig. Unser Schwerpunkt ist Europa. Das macht großen Spaß, weil es neben der Elektroindustrie auch viele andere Sektoren gibt: Medizintechnik, Papierindustrie, chemische Industrie, die wir betreuen. Ich sitze gerade im Homeoffice, weil wir ein bisschen Schneechaos haben. Wenn in Köln zwei Schneeflocken fallen, bricht der ganze Verkehr zusammen. Deswegen nehme ich heute von zu Hause aus auf.

Vielen Dank, dass du mit dabei bist. Da gibt es viele spannende Begriffe in dem Kontext. Du hast semantische Standards angesprochen: Was ist Semantik, welche Rolle spielt sie in der Industrie und warum ist das von Bedeutung? Und dann auch in Richtung Produktpass: Wie hängt das zusammen mit ECLASS, der Asset Administration Shell und Ähnlichem? Kannst du das für uns ein bisschen aufräumen und erklären?

Thorsten

Ich mache das am Beispiel. In der alten Schule, ohne Digitalisierung, war es im Use Case Procurement im Einkauf wichtig: „Gib mal deine Komponenten und Teile.“ Damals hat man Briefe, Faxe und Schreibmaschinenpapier hin- und hergeschickt, die guten alten Produktkataloge, so dick wie der alte Quelle-Katalog. Ich glaube, den gibt es heute auch nicht mehr. Worum geht es? Wie machen Unternehmen das heute? Einfaches Beispiel: Stell dir vor, du schreibst deine Produkte in eine Excel-Tabelle. Dann hast du Spaltenüberschriften in der Excel-Tabelle, und die Semantik sorgt dafür, wie die Spalten aussehen: An der ersten Stelle ist beispielsweise die Produktnummer, an der zweiten Stelle der Herstellername, an der dritten Stelle vielleicht das Bruttogewicht in Gramm. Du hörst: Da ist eine Einheit dabei. Dann füllst du weiter diese Excel-Spalten auf. Das macht es für den Empfänger einfach, die Daten auszulesen, weil er weiß, welche Informationen an welcher Stelle in diesem Excel-Dokument stehen. Semantik definiert, grob gesagt, die Spalten. Die Excel-Zeilen kommen dann vom Hersteller im Datenaustausch, der seine Tausenden Produkte zeilenweise dort einträgt. So einfach ist es nicht. Heutzutage gibt es verschiedene Austauschformate. Wir werden heute über die Verwaltungsschale oder AAS (Asset Administration Shell) als Datencontainer sprechen und ECLASS als Semantik. Es ist absolut sinnvoll, das als Standard zu machen, dass man sich auf etwas einigt. Denn wenn das nicht der Fall ist, hast du an den Schnittstellen immer Interpretationsaufwände. Ein Standard sorgt dafür, dass ein Datencontainer klar ist, dass er einfach importiert werden kann und maschinell möglichst eingelesen wird. Die Semantik sorgt dafür, dass ich genau verstehe, was drin ist. ECLASS ist eine Semantik. Wir können mehr als 44.000 verschiedene Produkte beschreiben und haben mehr als 20.000 sogenannte Merkmale oder Properties, um das zu tun. Das Bruttogewicht in Gramm ist eins davon. Eine unglaubliche Vielfalt. Uns gibt es seit 25 Jahren. Aktuell ist der DPP, Digital Product Passport. Das ist eine Regulierung, also ein Gesetz der EU, das sagt: Zu allen Produkten, die in der EU gehandelt und vertrieben werden, muss klar erkennbar sein, um was für ein Produkt es sich handelt, welche Eigenschaften es hat und zusätzliche Informationen, die mit der Umwelt zu tun haben: Recycling, Demontage, enthaltene Gefahrstoffe, CO₂-Fußabdruck und so weiter. Das ist ein semantischer Teil der Datenbeschreibung, der auch in einem Container bereitgestellt werden muss. ECLASS hat einen Sitz in der Normung dieses DPP, dieses digitalen Produktpasses. Das könnte so eine Art Reisepass sein. Wir versuchen dort, die industriellen Interessen zu vertreten, weil es für die europäische Industrie ein Graus ist, wenn das Rad neu erfunden wird und wieder sehr viele Aufwände entstehen, um Produktpässe zu machen. Lieber auf bestehende Standards und Technologien setzen. Der DPP wird uns einholen. Er wird fast alle Produkte in der EU betreffen, die irgendwie gehandelt werden. Ich sehe das nicht als Pflicht, sondern als Chance. Der DPP bietet viele Vorteile: einmal die Daten aufzuräumen, aber auch Mehrwerte zu bieten.

Das war super, Thorsten. Das schneide ich mir irgendwann aus, und jedes Mal, wenn jemand fragt „Erklär mir das mal“, spiele ich genau das vor. Sehr anschaulich, vielen Dank. Eine Frage noch, bevor wir weitergehen: So ein Standard oder diese Semantik lebt davon, dass möglichst viele ihn nutzen, um den Vorteil im Ökosystem zu haben. Gibt es Alternativen, konkurrierende Standards? Und es gibt Initiativen wie Gaia-X oder Catena-X, die den Datenaustausch forcieren. Wie würdest du das betrachten? Wer sind die Förderer und Nutzer von ECLASS, und wer sind vielleicht die Gegenspieler?

Thorsten

Bei Standards ist es immer so: Netzeffekte spielen eine Rolle. Je mehr Leute einen Standard nutzen und weiterentwickeln, desto erfolgreicher wird er. Und es gibt nicht nur ECLASS, es gibt auch andere semantische Standards. Es gibt nicht nur die Asset Administration Shell, es gibt auch andere Datencontainer. Koexistenzen sind sinnvoll und existieren, aber es muss eine kritische Masse erreicht werden, damit es sinnvoll ist. Wenn wir bei Gaia-X reinschauen: Die Idee war ursprünglich gut, aber letztlich hat das Ganze mehr Papier als Umsetzung produziert. Man hat nicht auf etablierte Standards gesetzt, um Daten zu transportieren oder zu interpretieren, und bekommt dann wenig Unterstützung aus der europäischen Industrie. Und jetzt könnte ein Shitstorm losgehen: Catena-X sehe ich ähnlich kritisch. Denn auch hier hat man nicht mit etablierten Technologien gestartet, wie der Verwaltungsschale, wie ECLASS oder auch ETIM als Standard, der in der Elektroindustrie sehr verbreitet und erfolgreich ist. Oder IEC CDD, eine weitere Semantik, die es gibt und von der IEC promotet wird. Dann tun sich viele Unternehmen, die Standards im Einsatz haben, schwer, auch mehrere Initiativen mitzumachen. Andere X-Initiativen wie Manufacturing-X, Factory-X oder auch Furniture-X machen das besser. Die setzen auf etablierte Standards und erfinden das Rad nicht neu. Ich rechne nach der Sendung fest mit einem Shitstorm.

Also ich hoffe auf kontroverse, aber produktive Diskussionen, die durch solche Aussagen ja sehr gut angestoßen werden können. Rückmeldungen freuen uns auf jeden Fall.

[09:26] Herausforderungen, Potenziale und Status quo – So sieht der Use Case in der Praxis aus

Jetzt haben wir sehr allgemein gesprochen. Adrian, stell dich bitte vor, Neoception als Firma, und wie setzt ihr das konkret um? Was hat euch dazu gebracht, ein Produkt zu bauen?

Adrian

Hallo zusammen, ich freue mich, mit dabei zu sein. Ich habe früher mal gesagt: Es gibt nichts Langweiligeres als Stammdaten und Standardisierung. Aber nachdem ich angefangen habe, mich da reinzuarbeiten, habe ich gemerkt, wie cool das eigentlich ist und welche Potenziale darin schlummern. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren – eigentlich seit Beginn von Industrie 4.0 – mit diesen Themen, weil ich viele Industrie-4.0-Projekte daran scheitern sehen habe, dass die Business Cases irgendwann nicht mehr tragfähig waren, weil die Integrationsaufwände zu groß wurden. Die Verwaltungsschale zusammen mit ECLASS bietet eine super Basis, um Integrationsaufwände zu reduzieren, Datenaustausche zu vereinfachen und damit die Cases, die wir über 10 bis 12 Jahre gesammelt haben, tatsächlich real werden zu lassen. Zu mir: Ich bin seit ungefähr 12 Jahren in der Automatisierungsbranche unterwegs und seit 2018 ganz konkret im Bereich Digitalisierung. Seit 2021 bin ich bei der Neoception GmbH verantwortlich für Sales Excellence – das beinhaltet Business Development, Marketing und Vertrieb. Wir sind ein Softwareunternehmen, das Softwareprodukte herstellt. In diesen Produkten lassen wir unsere Kernkompetenzen einfließen: industrielle Prozesse und Herausforderungen, aber auch Datensemantik und Standardisierung sowie den Datencontainer, über den Thorsten gesprochen hat – die Verwaltungsschale. Soweit uns bekannt ist, sind wir aktuell das einzige Unternehmen, das ein komplettes Business über die Verwaltungsschale definiert. Das unterstreichen wir unter anderem durch die Mitgliedschaft in der Industrial Digital Twin Association (IDTA). Das ist der Verband in Deutschland, der die Verwaltungsschale als Standard vorantreibt, mittlerweile auch sehr international. Wir sind aktives Mitglied und außerdem Solution Provider von ECLASS. Unsere Lösung beinhaltet ECLASS, und wenn Simone berichtet, ist das ein essenzieller Teil der Lösung, mit der bei WAGO Vorteile gehoben wurden.

Der Digital Twin ist in der Industrie auch ein Stück weit ein unerfülltes Versprechen. Manche sagen, wenn sie Hologramme haben, haben sie einen Digital Twin. Das kann man auf vielen Ebenen betrachten. Kannst du das einordnen: Was versprecht ihr euch davon, was versprechen sich Kunden, und wie adressiert ihr das?

Adrian

Man könnte fast sagen: Digital Twin ist schon ein Stück weit verbrannt, genauso wie Industrie 4.0. Da muss man extrem aufpassen, auch beim digitalen Produktpass, dass wir nicht in die gleiche Marketingfalle treten. Der digitale Zwilling, den jeder sofort vor Augen hat, ist irgendeine Art von Virtualisierung oder Simulation – das gibt es schon ewig. Ich erinnere mich an meine erste berufliche Station bei einem Werkzeugmaschinenbauer: Der hatte schon immer eine virtuelle Maschine, die er Kunden angeboten hat. Aber es war ein proprietäres System: Daten des Maschinenbauers, System des Maschinenbauers, und Kunden konnten es nur bedienen, wenn sie dieses System gekauft haben. Der digitale Zwilling, über den wir hier sprechen, ist eher ein digitaler Informationszwilling, hochgradig standardisiert, mit dem Fokus, dass der Datenaustausch zwischen Unternehmen und Domänen deutlich vereinfacht wird. Wir sind überzeugt: Es wird ein Differenzierungsmerkmal in Zukunft, Daten komfortabel Kunden zur Verfügung zu stellen. Wenn wir uns privat anschauen: Viele haben auf dem Smartphone eine Cloud-Anbindung, Bilder werden automatisch abgelegt, es gibt kaum Systembrüche. Dazu KI-Modelle: Wo sind Bilder entstanden, wer ist drauf? Das funktioniert nur mit hoher Standardisierung. Genau das ist der Hintergrund der Verwaltungsschale: Wir wollen nichts in Bestandssystemen ersetzen oder noch etwas Proprietäres hinzufügen, sondern Daten austauschen, die beide Seiten gleich interpretieren. Wenn man sich dann bewusst macht, was der digitale Produktpass will, muss man fragen: Sind die Daten, die ich bereitstelle, nicht auch für andere Adressaten als die EU interessant – zum Beispiel interne oder externe Kunden? Und wären sie bereit, dafür zu bezahlen – nicht zwingend als Aufpreis, sondern als Differenzierungsmerkmal? Wird mein Kunde eher den Lieferanten auswählen, der Daten als Verwaltungsschale komfortabel bereitstellt, oder den, bei dem ich anrufen muss: „Kannst du bitte die Excel-Tabelle ausfüllen?“ Wenn man sagt: „Ich will nur den DPP für die EU“, dann gibt es sicherlich einfache Dienste. Dann gebe ich aber Datensouveränität aus der Hand. Unser Ansatz: Der Hersteller soll das selbst integrieren, selbst betreiben und entscheiden, welche Daten an welche Adressaten gehen, in welcher Tiefe und Qualität – komplette Hoheit über die Daten – und nebenher den DPP bedienen.

Thorsten

Kleiner Schwank aus dem Privaten: Simone, dich wird das freuen. Wir haben vor drei Jahren eine Photovoltaikanlage installieren lassen, und wir haben auch WAGO-Komponenten. Ich fragte den Elektroinstallateur, warum WAGO. Er sagte: „Schau mal“, und scannte das digitale Typenschild. „Da kriege ich viele Informationen, die mir helfen.“ Ein junger Installateur, Smartphone, scannt, hat alles vorliegen: „Deswegen verbaue ich gern WAGO.“ Das zeigt: Es muss funktionieren, im B2C und im B2B, auch für die Kleinen.

Super Beispiel – und damit kommen wir in die Praxis. Simone, zu dir: Danke für deine Geduld. Was hast du dir bei WAGO überlegt? Stell dich bitte vor, WAGO als Firma, und wie bist du überhaupt auf das Thema gekommen?

Simone

Hallo auch von mir in die Runde und an die Zuhörerschaft. Ich bin Simone Brinkmann-Tewes und kann jetzt flexen: Ich bin nämlich seit fast 29 Jahren bei WAGO beschäftigt. Ich finde es immer spannend, wenn nicht nur theoretisch über Technologien oder Daten und Semantiken gesprochen wird, sondern wenn das in die Praxis übertragen wird und dadurch greifbarer wird – auch wenn es vielleicht um ganz andere Produkte geht als die, die meine Firma herstellt. Kurz zu WAGO: Die WAGO-Gruppe zählt zu den international richtungsweisenden Anbietern der Verbindungs- und Automatisierungstechnik und Interface-Elektronik. Unsere Produkte findet man in der Industrie, in der Bahn, in der Energietechnik, aber auch in der Gebäude- und Leuchtentechnik. Daher kennt ihr das vielleicht auch: Auch wenn man uns nicht sieht, ist in eurer Wohnung bestimmt irgendwo WAGO verbaut, nämlich unsere WAGO-Verbindungsklemme in euren Installationsdosen. Kurz zu mir: Ich bin Head of Digital Engineering Experience. Was hat das mit Hardware-Produkten zu tun? Wir versuchen, unseren Kunden die Arbeit mit den physischen Produkten leichter zu machen, indem wir ihnen digitale Daten und Software-Tools zur Verfügung stellen, die sie für Planung, Engineering und Inbetriebnahme brauchen. In dem Rahmen bin ich seit 2008 in der CAx-Arbeitsgruppe von ECLASS aktiv und dadurch nach und nach über Themen wie AAS und DPP gestolpert und versuche, die WAGO-Daten auf den Stand der Technik zu bringen.

Wo kam die Motivation her, da etwas zu machen? Hat das Management gesagt: „Da musst du was tun“, oder kam es aus konkreter Kundennachfrage? Wo war der Impuls?

Simone

Ich würde gerne auf Standardisierung zurückkommen. Digitale Prozesse werden bei unseren Kunden immer wichtiger. Früher wurde alles per Hand gepflegt und liebevoll aufbereitet. Aber jetzt gibt es immer mehr Daten, die automatisch von A nach B übertragen werden, ohne dass ein Mensch überhaupt noch draufschaut. Ein einfaches Beispiel: Unsere Produkte haben Höhe, Breite, Tiefe. Und da WAGO das Zentrum der Welt ist, startet die Höhe für uns an dem Aufrastpunkt der Hutschiene. Ein CAE- oder CAD-System, das einen Schaltschrank betrachtet, für den ist unsere Höhe aber eine Tiefe. Wenn dann eine Plausibilisierung versucht, diese Daten zu vergleichen, tauchen Fehlermeldungen auf, die vielleicht gar keine sind. Deswegen haben wir frühzeitig geschaut, diese Standards umzusetzen und eindeutig zu machen, was unsere Daten bedeuten, damit der Kunde eindeutig damit weiterarbeiten kann.

Geht es da grundsätzlich Richtung Stammdaten oder ist das nur ein Teil?

Simone

Stammdaten sind der Teil, in dem ich hauptsächlich beschäftigt bin. Das ist sicherlich nur ein Teil. Aber wenn wir unsere Produkte eindeutig beschreiben können und dabei langfristig die Herausforderungen der verschiedenen Quellsysteme lösen, ist das ein wichtiger Schritt. Unsere Systeme PLM, ERP und PIM sind historisch jeweils für sich gewachsen. Jedes hat die Daten, die es für seinen Zweck braucht. Aber wir haben keine Quelle, in der alle Daten vorhanden sind oder in der es eindeutig ist. Mein Beispiel von der Höhe kann in den drei Systemen existieren, aber unterschiedlich benannt sein. Der Kunde möchte dann eine ECLASS-Höhe in seinem DPP stehen haben. Darüber sind wir dann mit Neoception in den praktischen Umsetzungsfall gegangen, um dieses Mapping durchzuführen und künftig zu wissen, was die eindeutige Quelle mit den richtigen Daten ist.

Adrian

Ich fand spannend, das die letzten zweieinhalb Jahre begleiten zu dürfen. Simone hat gesagt: Sie kam aus der Stammdatenecke, und für sie war es erst mal wichtig, alle Stammdaten auf ECLASS Advanced zu bringen. Durch unsere Kompetenz in ECLASS bietet das unser Produkt mit an. Deshalb wurden wir auf der ersten Ebene ausgewählt. Ich habe dann rückblickend erkannt: Simone hat einen viel strategischeren Blick. Das war nur ein Light-Use-Case. Das ist vielleicht auch ein Hinweis: Wie lege ich los? Ich sollte mir einen Light-Use-Case raussuchen, das muss nicht zwingend der digitale Produktpass sein. Es kann etwas Einfaches sein, wie Stammdaten auf ECLASS zu bringen, und mir dann weitere Unterstützer im Unternehmen suchen. Genau das passiert bei WAGO: Ich spreche plötzlich mit neuen Abteilungen, die wir vorher nicht gesehen haben – Controlling, Digital Marketing, Finance. Die werden hellhörig, nicht weil sie sich für die Verwaltungsschale an sich interessieren, sondern weil sie verstanden haben: Ich kann mir Integrationsaufwände sparen und dadurch unabhängiger von der IT werden. Wir haben bei der Digitalisierung oft das Bottleneck einer überlasteten IT. Die sind ausgelastet mit Office-Anwendungen und Schnittstellen. Wenn ich mit einem neuen Anliegen komme, stehe ich zwölf Monate in der Reihe. Wenn ich aber flexibel gestalten will, ist es wichtig, Unabhängigkeit in die Businesses zu bringen. Genau das haben wir bei WAGO geschaffen. Wir müssen nicht nur über Regulatorik und Technologie sprechen, sondern über Nutzen: für uns, für unsere Unternehmen und für unsere Kunden – gerade wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen. Es gibt Länder, die Subventionen für 2026 freigegeben haben, um den Datencontainer bzw. die Verwaltungsschale aufzubauen, damit man KI-Anwendungen darauf bauen kann. Das wird einfacher, wenn Daten sauber und semantifiziert sind. In Deutschland denkt man oft noch: „Wenn ich perfekte Maschinen baue, kauft der Kunde die auch in Zukunft.“ Aber wir müssen nahtlos Daten teilen und liefern können. Das kann eine EU-Industrie, das kann eine deutsche Industrie. Wir haben eine extreme Fertigungstiefe und können viele Daten liefern. Wir sollten das als Wettbewerbsvorteil nutzen.

Simone

Der Punkt mit der IT ist nicht nur, dass ich mich anstellen muss, sondern ich brauche auch Fachleute. IT kennt ihr System, aber ich brauche Datenspezialisten, die Daten zuordnen können.

Habt ihr bei WAGO schon konkrete Erfolge? Und welche Anwendungsfälle siehst du, wie kommunizierst du den Nutzen? Es ist ja Grundlagenarbeit, die Aufwand ist – und ROI-Kalkulationen sind schwierig. Wie habt ihr das gestaltet?

Simone

Ein Punkt ist: Ich brauche nicht nur IT-Spezialisten, sondern Datenspezialisten, um den ROI zu berechnen. Wir wollen einen DPP erzeugen, weil es gesetzlich verpflichtend sein wird. Aber wir denken auch an andere Übertragungsmedien. Wir stellen Daten für CAE-Systeme zur Verfügung. Wir sind in ersten Tests, ob man das über eine AAS bereitstellen könnte. Wir haben auch unsere eigene Website und CAD-Portale, wo wir Daten hinspielen. Auch da ist es hilfreich: Wenn ich sie einmal gemappt habe und eindeutig zur Verfügung stellen kann, kann ich sie in verschiedene Senken übergeben und weiß immer, um welches Datum es sich handelt.

Entscheider müssen das erst mal verstehen. Welche Vorbehalte gibt es? Was funktioniert, um relevante Personen zu überzeugen? Wer sind die relevanten Stakeholder – CEO, C-Level, andere?

Thorsten

Grundsätzlich: Lieber klein anfangen. Einen kleinen Teil nehmen – morphologische Daten wie Länge, Breite, Höhe, Bruttogewicht, das Typenschild oder kleinere Informationen – ein Produkt aussuchen und einfach mal machen. Die höchste Hürde ist der Mensch: „Das haben wir schon immer so gemacht“, „Wir machen es mit der Excel-Tabelle“, die „Drehstuhl-Schnittstelle“, und „die neue Technologie ist eh nichts“. Es gilt, mit kleinen Proof of Concepts die Leute zu überzeugen. Wenn man dann sagt: „Privat regelst du alles digital – warum nicht auch in der Industrie?“, dann ist das ein großer Schritt.

Adrian

Ich stolpere über das Wort PoC, weil da oft die PoC-Falle dranhängt. Ich würde schauen, dass man Richtung MVP geht: etwas Produktives umsetzen, das skalierbar ist. Nehmt Anwendungsfälle, die früher als nicht relevant galten. Ich dachte früher, papierlose Dokumentation würde nie als Business Case bezahlt. Wenn man papierlose Dokumentation aber über die Verwaltungsschale löst, schaffe ich Systemintegrationen, die Prozesse so stark vereinfachen, dass ich – je nach Unternehmensgröße und Portfolio – tatsächlich siebenstellige Beträge pro Jahr einsparen kann. Dann wird der Business Case rund. Wichtig ist zu verstehen: Ich führe eine strategische Basistechnologie ein, die für jeden nutzbar ist. Deshalb ist der beste Weg häufig über das C-Level, weil so eine strategische Entscheidung nur dort getroffen werden kann, um es im Unternehmen zu verbreiten. Die Integration der Verwaltungsschale kostet nicht „zwei Euro“, sondern geht in eine hohe fünf- bis sechsstellige Summe. Das schlägt in der heutigen wirtschaftlichen Lage kein Business Lead leichtfertig nach oben vor: „Für den DPP 100.000 Euro.“ Aber wenn ich das C-Level überzeuge und den strategischen Weitblick vermittle, wird der Invest klein, weil die Prozesse, die ich damit vereinfachen kann, groß sind. Dann spricht man nicht mehr über den Invest. Und wie Simone geschildert hat: Ich kann auf Kompetenzen setzen, die einfacher verfügbar sind als rare IT-Kompetenzen, die außerdem extrem teuer sind. Personalkosten sind kontinuierliche Kosten. Einen Integrationsinvest mache ich einmalig, der Benefit ist kontinuierlich da.

Thorsten

Deshalb haben wir frühzeitig auf Standards gesetzt und betonen immer wieder, wie wichtig das für die Zukunft ist. Die Zusammenarbeit mit den VPs Smart Data International und Digital Unit ist eng, und dadurch ist zum Glück ein hohes Verständnis vorhanden, was das den Kunden langfristig bringt.

[29:46] Übertragbarkeit, Skalierung und nächste Schritte – So könnt ihr diesen Use Case nutzen

Thorsten, wie entwickelt sich ECLASS weiter? Ihr habt 20.000 Merkmale für 44.000 Produkte. Geht das weiter, oder gibt es inhaltliche Änderungen?

Thorsten

Drei Schwerpunkte: Erstens werden KI-Tools ein wesentlicher Bestandteil sein, um neuen Content zu generieren und Lücken im ECLASS-Content zu schließen, weil immer neue Produkte und Anforderungen kommen. Das haben wir letztes Jahr erprobt, mit herausragenden Ergebnissen. Das werden wir institutionalisieren. Zweitens: stärkeres Partnermanagement mit Lösungen wie von Neoception, weil das wirklich hilft. Wir wollen die Brücke schlagen, Anfragen bei uns aufnehmen und an Adrian weiterleiten. Drittens: Wir setzen dieses Jahr inhaltliche Schwerpunkte in der Militärtechnik und Schutzausrüstung. Warum? Es gibt ein nie dagewesenes Beschaffungsvolumen für Militär- und Verteidigungsequipment in der EU. ECLASS gibt es in allen EU-Sprachen, und du hast Dual Use: Elektrokomponenten für Abwehrsysteme, mechanische Komponenten, Ersatzteile. Deshalb wird ECLASS bei der Verteidigungsindustrie zukünftig eine größere Rolle spielen.

Vielen Dank. Adrian, wie entwickelt sich Neoception weiter?

Adrian

Wir behalten den Fokus darauf, die Kernschwierigkeit weiter zu bedienen: Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, semantifizieren und als Verwaltungsschale bereitzustellen. Das bleibt unser Fokus, weil wir glauben, dass die Standardisierungsarbeit der IDTA noch nicht abgeschlossen ist. Unser Leistungsversprechen ist: Alles, was aus der Standardisierung und aus der Regulatorik wie dem DPP kommt, wird integraler Bestandteil unseres Produkts. Wir haben das Ziel, das beste Produkt für die Bereitstellung von Verwaltungsschalen im Markt zu haben. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir stärken unseren Footprint vor allem im Elektronik- und Automatisierungssektor. Das machen wir seit zwei Jahren sehr aktiv. Das Thema Batteriepass kommt dazu; wir sind dort mit dem großen Zeh drin. Die Bauindustrie kommt stärker auf uns zu. Ein großes Ziel ist der Maschinenbau: Da steckt extrem viel Know-how, Datenqualität und Datentiefe. Aber Kolleginnen und Kollegen zu motivieren, auf Standards und Interoperabilität zu setzen, ist eine strategische Aufgabe. Da wollen wir die ersten motivieren, mitzuarbeiten.

Simone, Thorsten hat Dual Use und Militärtechnik angesprochen. Ist das für euch relevant, oder denkt ihr in eine andere Richtung?

Simone

Prinzipiell ist es bei WAGO inzwischen ein geflügeltes Wort: keine guten Daten, keine KI. Da wollen wir hin: Bereitstellung von standardisierten, klassifizierten Daten für die Zukunft, weil Schnittstellen zwischen Unternehmen und Prozesse innerhalb der Unternehmen nur damit vereinfacht werden können. Auch wenn wir früh angefangen haben, ist bei uns noch eine Menge Fleißarbeit zu leisten. Wir sind immer auf der Suche nach interessanten Partnern, wo wir kleinere Use Cases miteinander umsetzen können.

Gutes Stichwort: Kontaktaufnahme. Was sind die besten Wege, euch zu erreichen? Simone?

Simone

Ich bin auf LinkedIn aktiv. Da findet man mein Profil und kann mich gerne darüber kontaktieren.

Adrian

LinkedIn ist super. Über neoception.com findet ihr auch meine Kontaktdaten. Wir sind als Neoception außerdem auf relevanten Events unterwegs – bei ECLASS, beim ZVEI, bei der IDTA, und überall, wo Datenstandardisierung und Verwaltungsschale eine Rolle spielen. Der schnellste Weg ist LinkedIn. Ich freue mich über jede Anfrage.

Thorsten

Dasselbe bei mir: LinkedIn ist eine gute Idee. Ich berichte dort regelmäßig über semantische und digitale Standardisierung, nicht nur zu ECLASS. Sprecht mich einfach an. Ansonsten funktioniert auch die E-Mail, die Kontaktdaten stehen auf unserer Webseite.

Super. Ich glaube, das ist ein Thema, an dem man gemeinsam arbeiten muss. Austausch im Ökosystem ist entscheidend. Ihr könnt mich auch auf LinkedIn kontaktieren. Meine Firma Schopf Meta Consult ist eher für generative KI im Organisationskontext, aber ich mache auch viel mit IoT und Daten in der Industrie und darüber hinaus. Gerne vernetzen – und bis zum nächsten Mal.

Questions? Contact Madeleine Mickeleit

Ing. Madeleine Mickeleit

Mrs. IoT✌️Gründerin der IIoT Use Case GmbH | IoT Business Development | Welche Use Cases funktionieren – und WIE? Fokus auf Praxis! #TechBusiness #Mehrwert